Peramivir zur intravenösen Therapie der Influenza

Unveränderter Text aus Heft 1, 2020

 

Die wichtigste Maßnahme zur Vermeidung der Influenza ist die jährliche Impfung. Sie bietet allerdings keinen hundertprozentigen Schutz und der Anteil der Geimpften an der Gesamtbevölkerung ist in der Regel zu niedrig. Für die orale oder inhalative Behandlung einer Influenza A oder B stehen die Neuraminidase-Inhibitoren Oseltamivir und Zanamivir bereits seit zwei Jahrzehnten zur Verfügung. Bei frühzeitigem Beginn – d. h. innerhalb von 48 Stunden nach Beginn der Symptomatik – können sie die Krankheitsdauer um etwa einen Tag verkürzen. Diese Arzneimittelgruppe wird nun ergänzt um einen weiteren Wirkstoff.

Strukturformel Peramivir (MM 328,4). Der Arzneistoff ist ein Cyclopentanderivat.

 

Peramivir ist bereits seit 2014 in den USA als RAPIVAB verfügbar. In der EU ist es unter dem Handelsnamen ALPIVAB zur Therapie der unkomplizierten Influenza bei Erwachsenen und Kindern im Alter von mehr als zwei Jahren zugelassen, in Deutschland zurzeit aber nicht im Handel.1

 

Peramivir zeigt eine ähnliche antivirale Aktivität wie die bereits länger bekannten Virustatika. Im direkten Vergleich zeigt sich aber, dass der neue Wirkstoff fester an das Enzym bindet und die Ablösung deutlich langsamer erfolgt. Eine einmalige Verabreichung des Arzneimittels ist daher ausreichend. In vitro hemmt Peramivir die Neuraminidase bereits bei sehr niedrigen Konzentrationen: die medianen Hemmkonzentrationen (IC50) liegen bei 0,13 nM bis 0,99 nM gegen Influenza-A- und B-Stämme (1 nM = 0,3 µg/l). Influenza-A/H1N1-Viren, die die H275Y-Mutation enthalten, zeigen eine reduzierte Empfindlichkeit gegenüber Peramivir und Oseltamivir.1,2,3

 

Pharmakokinetik

 

Wegen der sehr geringen Bioverfügbarkeit nach oraler Gabe muss Peramivir intravenös verabreicht werden. Die Standarddosis von 600 mg wird über 15 bis 30 Minuten infundiert. Der Stoff wird nur in geringem Maße an Plasmaproteine gebunden (< 30 %), das Verteilungsvolumen wurde mit etwa 12 Litern berechnet. Die Ausscheidung erfolgt mit einer Halbwertzeit von etwa 20 Stunden ganz überwiegend unverändert renal.

 

Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion ist die Ausscheidung verzögert. Daher wird bei einer absoluten glomerulären Filtrationsrate (GFR) von 30 bis 49 ml/min eine Anpassung der Dosis auf 300 mg bzw. bei einer GFR von 10 bis 29 ml/min auf 200 mg empfohlen.1

 

Klinische Studien

 

In mehreren Doppelblindstudien konnte die Wirksamkeit des Virustatikums belegt werden.4,5,6 In Japan wurden zunächst erwachsene Patienten in eine Placebo-kontrollierte Studie eingeschlossen, wenn sie Fieber über 38 °C hatten und positiv auf einen Antigen-Schnelltest reagierten, der von mindestens zwei der folgenden Symptome begleitet wurde: Husten, nasale Symptome, Halsschmerzen, Myalgie, Schüttelfrost/Schwitzen, Unwohlsein, Müdigkeit oder Kopfschmerzen. Fast alle Patienten hatten eine Influenza A. Mit der Behandlung wurde spätestens 48 Stunden nach Auftreten der Symptome begonnen. Die mediane Zeitspanne bis zur Linderung der Symptome betrug 59,9 Stunden (Peramivir) versus 81,8 Stunden (Placebo).

 

Im direkten Vergleich zwischen einer intravenösen Einmalgabe von Peramivir in zwei Dosierungen von 300 oder 600 mg und einer fünftägigen oralen Behandlung mit zweimal täglich 75 mg Oseltamivir zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in der Zeitdauer bis zur Beseitigung der charakteristischen Grippesymptome. Die Zahl der fieberfreien Patienten 24 Stunden nach Behandlungsbeginn war in den beiden Peramivirgruppen höher (ca. 58 %) als in der Oseltamivirgruppe (ca. 50 %). Die verfügbaren Daten lassen nicht auf die Wirksamkeit von Peramivir bei Patienten mit Influenza B oder bei Patienten mit komplizierter Influenza schließen.

 

Die wichtigsten seltenen Nebenwirkungen, die mit Peramivir in Verbindung gebracht werden, sind Anaphylaxie oder schwerwiegende allergische Hautreaktionen. In den klinischen Studien waren eine Abnahme der Neutrophilenzahl (3,2 %) und Übelkeit (2,4 %) die am häufigsten beobachteten unerwünschten Ereignisse. Die bisherigen Daten sind nicht ausreichend, um die Verträglichkeit abschließend beurteilen zu können.

 

ZUSAMMENFASSUNG

 

Mit Peramivir (ALPIVAB) wurde bereits 2018 erstmals in der EU ein Neuraminidase-Inhibitor zur intravenösen Therapie der Influenza zugelassen. In Deutschland ist das Arzneimittel zurzeit allerdings nicht im Handel. Eine einmalige Infusion ist etwa ebenso wirksam, wie die orale Behandlung mit Oseltamivir. Bei frühzeitigem Behandlungsbeginn kann der Krankheitsverlauf um etwa einen Tag verkürzt werden.

 

 

1. EMA/CHMP/97060/2018, Peramivir (ALPIVAP)

Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels

www.ema.europa.eu (PDF-Datei)

 

2. Alame MM et al. Peramivir: A Novel Intravenous Neuraminidase Inhibitor for Treatment of Acute Influenza Infections. Front Microbiol. 2016;7:450, 1-14 FREE FULL TEXT

 

3. Scott LJ. Peramivir: A Review in Uncomplicated Influenza. Drugs. 2018 Sep;78(13):1363-1370. doi: 10.1007/s40265-018-0981-8. Review PubMed

 

4. Kohno S et al. Intravenous peramivir for treatment of influenza A and B virus infection in high-risk patients. Antimicrob Agents Chemother. 2011 Jun;55(6):2803-12 FREE FULL TEXT

 

5. Kohno S et al. Phase III randomized, double-blind study comparing single-dose intravenous peramivir with oral oseltamivir in patients with seasonal influenza virus infection. Antimicrob Agents Chemother. 2011 Nov;55(11):5267-76 FREE FULL TEXT

 

6. Kohno S, Kida H, Mizuguchi M, Shimada J; S-021812 Clinical Study Group. Efficacy and safety of intravenous peramivir for treatment of seasonal influenza virus infection. Antimicrob Agents Chemother. 2010 Nov;54(11):4568-74  FREE FULL TEXT

 

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Letzte Aktualisierung dieser Seiten:

9. April 2020

 

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