Apexxnar – ein neuer Pneumokokken-Konjugatimpfstoff

Unveränderter Text aus Heft 3, 2022

Schutzimpfungen stellen die wichtigste Maßnahme zur Prävention von Infektionen der unteren Atemwege dar. Daher werden insbesondere die Impfungen gegenüber Pneumokokken, Bordetella pertussis, sowie Influenza- und Coronaviren als klinisch relevant empfohlen. Pneumokokken sind die führenden bakteriellen Erreger der ambulant erworbenen Pneumonie und gehören weltweit zu den häufigsten, durch Impfung vermeidbaren Todesursachen.1 Neben Prevenar 13® (PCV13) und Synflorix® (PCV10) ist das kürzlich neu eingeführte Apexxnar® (PCV20) eine weitere, in Deutschland verfügbare Pneumokokken-Konjugat-Vakzine (PCV). Die Impfung richtet sich gegen 20 Pneumokokken-Serotypen und ist zur Prävention von invasiven Infektionen und Pneumonien durch diese Serotypen bei Erwachsenen ab 18 Jahren zugelassen.2 Daneben ist mit Pneumovax 23® (PPV23) auch eine Pneumokokken-Polysaccharid-Vakzine (PPV) verfügbar, welche die Kapselpolysaccharide von 23 der über 90 bekannten Serotypen enthält. Sie vermittelt einen guten Schutz vor invasiven Pneumokokkeninfektionen, hinterlässt aber kein immunologisches Gedächtnis, weil T-Zellen nicht stimuliert werden (Tabelle).3

 

Tabelle:

Pneumokokkenimpfstoffe (mod. nach PEI, 2022)

 

Impfstoff

(Handelsname, Beispiel)

 

Art des Pneumokokken-Impfstoffes

(Abkürzung)

Her-steller

Anwen-dung (Lebens-alter)

Pneumovax 23

Polysaccharid- Impfstoff

(PPV)

MSD

Merck, Sharp & Dohme

 

ab

2 Jahren

Prevenar 13

Polysaccharid-Konjugatimpfstoff (PCV, 13-valent, adsorbiert)

Pfizer

ab

6 Wochen

Synflorix

 

Polysaccharid- Konjugatimpfstoff (PCV, 10-valent, adsorbiert)

Glaxo Smith Kline

ab 6 Wochen bis 5 Jahren

Vaxneuvance

 

 

Polysaccharid-Konjugatimpfstoff (PCV, 15-valent, adsorbiert)

MSD

Merck, Sharp & Dohme

ab

18 Jahren

Apexxnar

 

 

Polysaccharid-Konjugatimpfstoff (PCV, 20-valent, adsorbiert)

Pfizer

Ab

18 Jahren

 

 

Pharmakodynamik

 

Die 20-valente Vakzine kann als eine Weiterentwicklung der PCV13-Vakzine angesehen werden und ist damit derzeit der Konjugatimpfstoff mit der breitesten Erfassung von Pneumokokken-Serotypen. Die 20 Pneumokokken-Kapselpolysaccharide sind alle an ein CRM197-Trägerprotein konjugiert und an Aluminiumphosphat adsorbiert. Durch die Kopplung an das Protein wird die Immunantwort auf das Polysaccharid von einer T-Zell-unabhängigen zu einer T-Zell-abhängigen Antwort modifiziert. Die T-Zell-abhängige Antwort führt sowohl zu einer verstärkten Antikörperantwort als auch zur Bildung von B-Gedächtniszellen, wodurch eine „anamnestische“ (Booster-)Antwort bei erneuter Exposition gegenüber dem Bakterium ermöglicht wird.

 

Klinische Studien

 

In einer Doppelblindstudie zu Apexxnar® wurden in den Vereinigten Staaten und Schweden Teilnehmer ab einem Alter von 18 Jahren, die bisher noch nicht mit einem Pneumokokken-impfstoff geimpft worden waren, auf Apexxnar® oder eine Kontrollgruppe randomisiert.2,4 Teilnehmer ab einem Alter von 60 Jahren wurden im Verhältnis 1:1 randomisiert und erhielten Apexxnar® (n = 1.507), gefolgt von Kochsalz-Placebo einen Monat danach, oder Prevenar 13® (n = 1.490), gefolgt von Pneumovax 23® einen Monat danach. Jüngere Teilnehmer im Alter von 18 bis 59 Jahren wurden im Verhältnis 3:1 randomisiert. Sie erhielten eine Dosis Apexxnar® oder Prevenar 13®. Die Immunantworten wurden mit einem Opsonophagozytose-Assay (OPA) gemessen, mit dem die funktionalen Antikörper gegen S. pneumoniae bestimmt werden können.

 

Die geometrischen Mittelwerte der Serotyp-spezifischen OPA-Titer (geometric mean titres, GMT) wurden vor der ersten Impfung und einen Monat nach jeder Impfung gemessen. Die Nicht-Unterlegenheit der Immunantwort (OPA-GMTs einen Monat nach der Impfung) unter Apexxnar® gegenüber einem Kontrollimpfstoff für einen Serotyp wurde festgestellt, wenn die untere Grenze des zweiseitigen 95 %-Konfidenzintervalls (KI) für das GMT-Verhältnis (Apexxnar®/Prevenar 13®; Apexxnar®/Pneumovax 23®) für den jeweiligen Serotyp über 0,5 lag.

 

Einen Monat nach der Impfung waren die bei Teilnehmern ab einem Alter von 60 Jahren durch Apexxnar® ausgelösten Immunantworten auf alle 13 gemeinsamen Serotypen gegenüber den durch Prevenar 13® ausgelösten Immunantworten für dieselben Serotypen nicht unterlegen. Im Allgemeinen wurden mit Apexxnar® im Vergleich zu Prevenar 13® bei den gemeinsamen Serotypen numerisch niedrigere geometrische Mitteltiter beobachtet. Die klinische Relevanz dieser Ergebnisse ist unbekannt.

 

Einen Monat nach der Impfung waren die durch Apexxnar® ausgelösten Immunantworten auf sechs der sieben zusätzlichen Serotypen gegenüber den durch Pneumovax 23® ausgelösten Immunantworten auf dieselben Serotypen nicht unterlegen. Die Immunantwort auf Serotyp 8 verfehlte das vorgegebene statistische Kriterium für die Nicht-Unterlegenheit (Die untere Grenze des zweiseitigen 95 %-KI für das GMT-Verhältnis beträgt 0,49 anstatt > 0,50). Die klinische Relevanz dieser Beobachtung ist unbekannt. Unterstützende Analysen für andere Endpunkte in Bezug auf den Serotyp 8 in der Apexxnar®-Gruppe fielen günstig aus. Dazu gehören ein Anstieg des Serokonversionsfaktors (geometric mean fold rise, GMFR) von vor der Impfung bis einen Monat nach der Impfung um 22,1, ein Anstieg der OPA-Titer von vor der Impfung bis einen Monat nach der Impfung um das ≥ 4-Fache bei 77,8 % der Teilnehmer und ein Erreichen von quantifizierbaren OPA-Titern einen Monat nach der Impfung bei 92,9 % der Teilnehmer.2,4

 

Unerwünschte Wirkungen

 

Die Teilnehmer der Phase-3-Studie wurden nach der Impfung einen Monat lang auf unerwünschte Ereignisse und bis zu sechs Monate auf schwerwiegende unerwünschte Ereignisse untersucht. An der Studie nahmen insgesamt etwa 4.000 Teilnehmer im Alter von 18 bis zu mehr als 80 Jahren teil. Die am häufigsten gemeldeten Nebenwirkungen waren Schmerzen an der Injektionsstelle, Muskelschmerzen, Ermüdung, Kopfschmerzen und Gelenkschmerzen. Die Nebenwirkungen nach Apexxnar® oder Prevenar 13® waren in allen Altersgruppen ähnlich. Innerhalb einer Woche nach der Injektion trat Fieber bei 0,9 bis 1,5% (PCV20) bzw. 0,8 bis 1,8 % (PCV13) auf. Die Nebenwirkungen waren in der Regel leicht oder mäßig ausgeprägt und klangen innerhalb weniger Tage nach der Impfung ab.2,4

 

Empfehlung der Impfkommission zur Pneumokokken-vakzination

 

Die „Ständige Impfkommission am RKI“ (STIKO) empfiehlt die Pneumokokkenimpfung derzeit als Standardimpfung aufgrund des Alters für alle Säuglinge ab dem Alter von zwei Monaten und Personen ab 60 Jahren sowie als Indikationsimpfung mit PPV23, - ggf. mit Wiederholungsimpfung nach frühestens sechs Jahren - bei Patienten mit verschiedenen Komorbiditäten. Dazu zählen unter anderem chronische Erkrankungen des Herzens, der Atmungsorgane (Asthma, Lungenemphysem, COPD), Stoffwechselkrankheiten (Diabetes mellitus) und neurologische Krankheiten, wie zum Beispiel Anfallsleiden. Auch Personen mit bestimmten beruflichen Tätigkeiten, wie Schweißen und Trennen von Metallen, die zu einer Exposition gegenüber Metallrauchen führen, sollen eine Pneumokokken-Impfung erhalten. Patienten mit Immunsuppression, chronischem Nierenversagen oder chronischer Leberinsuffizienz sollten wegen der eingeschränkten Wirksamkeit von PPV23 sowie einem hohen Risiko für Infektionen eine sequenzielle Impfung (zuerst PCV13, gefolgt von PPV23 nach 6 bis 12 Monaten) erhalten.

 

ZUSAMMENFASSUNG:

 

Die Impfung mit dem 20-valenten Pneumokokken-Konjugatimpfstoff Apexxnar® induziert die Bildung von Serumantikörpern und ein immunologisches Gedächtnis gegen die im Impfstoff enthaltenen Serotypen. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung des bereits länger bekannten Impfstoffes Prevenar 13®. Der Hersteller konnte bei Probanden für die 13 in beiden Impfstoffen enthaltenen Serotypen die Nicht-Unterlegenheit von Apexxnar® gegenüber Prevenar 13® nachweisen. Für die zusätzlich enthaltenen Antigene fand ein Vergleich zwischen Apexxnar® und Pneumovax® 23 statt: Auch hier zeigte sich bei sechs von sieben Serotypen die Immunantwort auf Apexxnar® verglichen mit der auf Pneumovax® 23 nicht unterlegen. Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen des Impfstoffes zählen Reaktionen an der Injektionsstelle. Insgesamt entsprach das Nebenwirkungsprofil dem der andren Pneumokokkenimpfstoffe. Die „Ständige Impfkommission“ am RKI (STIKO) empfiehlt eine Pneumokokken-Impfung für Kleinkinder und Erwachsene in einem Lebensalter über 60 Jahre als Standardimpfung sowie als Indikationsimpfung für Patienten mit diversen Komorbiditäten. Eine Stellungnahme der STIKO zur genauen Positionierung des neuen Impfstoffes gibt es noch nicht.

 

 

1. Pletz MW, Bahrs C. Pneumokokken-Impfstoffe. Internist 2021; 62:807–815

 

2. Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels, Fachinformation Apexxnar® Injektionssuspension in einer Fertigspritze. Pfizer, Februar 2022

 

3. PEI, Pneumokokken-Impfstoffe

(14. Mai 2022)

 

4. Essink B et al. Pivotal Phase 3 Randomized Clinical Trial of the Safety, Tolerability, and Immunogenicity of 20-Valent Pneumococcal Conjugate Vaccine in Adults 18 Years and Older. Clin Infect Dis. 2021 Dec 23 (online)

 

 

 

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8. Dezember 2022

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