Anthrax-Vakzine zur Prävention einer Milzbrand-Erkrankung

Unveränderter Text aus Heft 6, 2019

Anthrax-Vakzine zur Prävention einer Milzbrand-Erkrankung

 

Milzbrand (Anthrax) ist eine weltweit verbreitete Zoonose, die durch den grampositiven Sporenbildner Bacillus anthracis hervorgerufen wird. Häufigste Lokalisation der Infektion beim Menschen ist die Haut („maligne Pustel“), daneben können auch Darm und Lunge befallen sein. Anthrax ist heute in Industrienationen sehr selten. Ein gewisses Infektionsrisiko tragen Personen, die Tierfelle, Knochen oder anderes Tiermaterial verarbeiten. Beschäftigte in der Tiermedizin, in der Land-, Forst- und Jagdwirtschaft, tragen ebenfalls ein Risiko, sofern sie mit infizierten Tieren in Berührung kommen. In Europa traten in den vergangenen Jahren nur sehr vereinzelt Fälle von Milzbrand bei Menschen auf. Den letzten Fall von Hautmilzbrand in Deutschland gab es 1994.1 Seit dem Jahr 2000 wurde in Europa über Fälle von Injektionsmilzbrand bei Drogensüchtigen berichtet, die sich an vermutlich mit Sporen kontaminiertem Heroin infiziert hatten. Eine besondere Bedeutung hat B. anthracis auch im Zusammenhang mit Bioterrorismus und Biokriminalität als ein potenzielles Agens. Im Jahr 2001 erzielte eine Anschlagserie in den USA große Aufmerksamkeit, als per Post "weißes Pulver" verschickt wurde. Der Vorfall zeigte mit 22 bestätigten Fällen (11 Fälle von Lungenmilzbrand – davon 5 Todesfälle, 11 Fälle von Hautmilzbrand), dass B. anthracis als Biowaffe einsetzbar ist.2

 

Prä- und Postexpositionsprophylaxe gegen Anthrax

 

Angesichts der sehr häufig tödlich verlaufenden Infektion mit B. anthracis besteht ein hoher Bedarf an prophylaktischen und therapeutischen Maßnahmen. Prinzipiell spricht die Infektion auf Antibiotika an, wenn diese zur Wirkung gelangen, bevor der Erreger wesentliche Mengen an Toxinen produziert hat. Ciprofloxacin gilt als Mittel der Wahl zur raschen Postexpositionsprophylaxe, die Einnahme in einer Dosierung von 2 x tgl. 500 mg muss allerdings 60 Tage lang erfolgen. Auch Doxycyclin und andere Antibiotika sind geeignet. Für Erwachsene, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit oder anderer Aktivitäten ein erhöhtes Risiko für eine Anthrax-Erkrankung tragen, ist nun auch in Deutschland der Impfstoff BioThrax® zur Prävention verfügbar. Es ist der einzige vom Paul-Ehrlich-Institut zur Milzbrandprophylaxe genehmigte Impfstoff. Die Zulassung erfolgte bereits 2013, erst seit Mai 2019 ist der Impfstoff jedoch erhältlich. Die intramuskuläre Injektion soll nach einem und nach sechs Monaten wiederholt werden, Auffrischimpfungen werden alle drei Jahre empfohlen. Eine Impfung von allen potenziell gefährdeten Personen in der Landwirtschaft oder Tiermedizin erscheint angesichts des extrem seltenen Vorkommens der Erkrankung und des Nutzen-Risiko-Verhältnisses der Vakzine allerdings wenig sinnvoll. In den USA ist der Impfstoff - im Gegensatz zu Deutschland - explizit auch zur Postexpositionsprophylaxe zusammen mit geeigneten Antibiotika zugelassen. In solchen Fällen sind drei subkutane Injektionen zu den Zeitpunkten 0, 2 und 4 Wochen indiziert.3,4

 

Impfstoff gegen Toxinkomponente des Erregers

 

Der Impfstoff BioThrax® wird aus Filtraten von Kulturen eines nicht virulenten Stammes von B. anthracis hergestellt. Die Zubereitung enthält pro Dosis 50 µg zellfreies Anthrax-Antigenfiltrat, adsorbiert an 0,6 mg Aluminiumhydroxid. Die wirksame Komponente ist das protektive Antigen (PA), eines von drei Proteinen des Anthraxtoxins. Es ermöglicht das Eindringen der beiden anderen Proteine, die als Letalfaktor und Ödemfaktor bezeichnet werden, in die Zellen von Menschen und Tieren. Beide Faktoren haben eine enzymatische Funktion - als Protease oder Adenylylcyclase - und verursachen eine Zellnekrose. Da sie bei diesen Vorgängen nicht „verbraucht“ werden, genügen bereits geringste Mengen für eine toxische Wirkung. Nach Injektion des Impfstoffs werden Antikörper gegen das protektive Antigen gebildet, die es inaktivieren. Als Folge wird der Eintritt der beiden enzymatisch wirksamen, toxischen Faktoren in die Zelle verhindert, sie können ihre Aktivität nicht entfalten.

 

BioThrax® wird meist als tiefe intramuskuläre Injektion in den M. deltoideus injiziert. Bei subkutaner Verabreichung besteht eine höhere Inzidenz für Nebenwirkungen an der Injektionsstelle als bei intramuskulärer Verabreichung. Bei einer Postexpositionsprophylaxe wird die subkutane Injektion jedoch empfohlen.

 

Verträglichkeit

 

Die Sicherheit von BioThrax wurde in einer kontrollierten klinischen Studie an gut 1.500 Erwachsenen beurteilt. Weitere Sicherheitsdaten wurden anhand von Erfahrungen nach der Zulassung an mehr als drei Millionen Erwachsenen bewertet. Die am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen waren Reaktionen an der Injektionsstelle (sehr häufig), sowie Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen in der Achselgegend, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und Müdigkeit.

 

ZUSAMMENFASSUNG

 

Milzbrand ist eine häufig tödlich verlaufende, in europäischen Ländern und anderen Industrienationen extrem seltene Erkrankung. Ein Impfstoff ist seit einigen Monaten hierzulande verfügbar, der zur Prävention zugelassen ist. Er enthält das protektive Protein des Erregers, das der menschliche Organismus durch Antikörperbildung inaktiviert. Eine Impfung aller Personen mit einem Risiko für Anthrax, etwa in der Landwirtschaft und Tiermedizin, wird nicht empfohlen. Bei einer stattgefundenen Exposition, etwa mit Sporen von B. anthracis, wird eine Postexpositionsprophaxe mit Ciprofloxacin oder anderen Antibiotika durchgeführt. In den USA ist der Impfstoff auch für diese Anwendung zugelassen. Die Impfung verursacht häufig bis sehr häufig systemische unerwünschte Wirkungen sowie Schmerzen an der Injektionsstelle.

 

 

Literatur

 

1. RKI-Ratgeber Milzbrand, Oktober 2013, Robert Koch-Institut, www.rki.de

 

2. Inglesby TV et al.: Anthrax as a biological weapon, 2002: updated recommendations for management. JAMA 2002; 287: 2236-52 PubMed Abstract

 

3. Fachinformation zu BioThrax, Stand: 09/2018

 

4. Full Prescribing Information BioThrax, Emergent BioSolutions, revised November 2015

 

 

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Letzte Aktualisierung dieser Seiten:

6. Dezember 2019

 

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