Nichttuberkulöse Mykobakterien (NTM, MOTT = mycobacteria other than tuberculosis)

 (aus ZCT 4-2010)

 

 

 

 

Taxonomie, Morphologie und Kultur

 

Mycobacterium ist die einzige Gattung der FamilieMycobacteriaceae. Insgesamt sind über 130 verschiedene Spezies beschrieben, neben dem MTB-Komplex werden zwei große Gruppen unterschieden: schnell wachsende (Kolonien auf festem Medium innerhalb sieben Tage) und langsam wachsende Arten, welche sich auch in der Empfindlichkeit gegenüber Antibiotika unterscheiden. Ein weiteres Merkmal ist bei einigen Spezies die Pigmentbildung. Der Zellwandaufbau entspricht dem grampositiver Bakterien, jedoch mit einem zusätzlichen hohen Lipidanteil mit charakteristischen Mykolsäuren. Der Begriff „säurefest“ beruht darauf, dass sich gefärbte Zellen mittels eines Gemisches aus Säure und Alkohol nicht entfärben lassen. Zur Kultur von Mykobakterien sind besondere Medien erforderlich.

 

 

Epidemiologie

 

Mykobakterien sind weltweit verbreitet, viele Arten stammen aus der Umwelt wie Wasser (besonders schnellwachsende Arten), Boden (z.B. Pflanzenerde) oder Pflanzen, befinden sich aber auch in Schmieröl. In der Umwelt Bildung von Biofilmen oder Assoziation mit Amoeben.

 

 

Pathogenese, Krankheitsbild

 

Die Mehrzahl der NTM ist für den Menschen nicht pathogen, opportunistische Infektionen bei entsprechend disponierten Patienten sind möglich. Langsam wachsende Arten verursachen häufig Infektionen der Lunge und der Lymphknoten, schnell wachsende dagegen Infektionen der Haut, Knochen und Gelenke. Die Klinik pulmonaler Infektionen bei HIV-negativen Patienten kann von Infektionen durch Mycobacterium tuberculosis nicht unterschieden werden. Betroffen sind überwiegend Patienten mit Vorerkrankungen der Lunge. Bei Patienten mit HIV-Infektion ist die Progression der Erkrankung sehr viel schneller. Häufige Symptome sind Husten, Fieber, Gewichtsverlust bei fehlenden radiologischen Zeichen bzw. dem Nachweis vergrößerter mediastinaler und hiliärer Lymphknoten. Wichtige Erreger sind M.aviumM.intracellulare (M.avium-Komplex), M.xenopiM.malmoenseM.kansasii, bei Patienten mit zystischer Fibrose M.abscessus. Ein schmerzloser Befall der zervikalen Lymphknoten (meist unilateral) wird bei Kindern gefunden (M.scrofulaceum,M.aviumM.malmoense).

 

Eine Infektion der Haut oder der Weichgewebe ist durch granulomatöse Läsionen gekennzeichnet. Die ableitenden Lymphknoten können ebenfalls beteiligt sein, es entwickeln sich Ulzerationen und eine Zellulitis bis hin zur kutanen Dissemination. Bekannteste Ursache ist M.marinum(Aquarium, Kontakt zu Fischen), andere Arten sindM.fortuitum oder M.chelonae. In Afrika und Australien verursacht M.ulcerans das so genannte Buruli-Ulkus, welches durch schmerzlose Läsionen der Extremitäten mit großen nekrotisierenden Ulzerationen charakterisiert ist. Andere Erreger kutaner Infektionen sind M.haemophilum, posttraumatisch oder postoperativ M.fortuitum und andere Arten.

 

Infektionen der Knochen und Gelenke entstehen häufig posttraumatisch oder nach chirurgischen Eingriffen. Disponierende Faktoren sind Gelenkrheumatismus und Steroidtherapie. Eine Reihe von Mykobakterienarten wieM.haemophilumM.kansasii oder M.avium-Komplex wurde bei diesem Krankheitskomplex nachgewiesen. Disseminierte Infektionen treten in erster Linie bei Patienten mit schwerer Immunsuppression (z.B. bei Patienten mit HIV-Infektion und weniger als 100 CD4-positiven Zellen pro µl Blut oder nach Organtransplantationen) auf. Ausgangspunkte sind der Respirations- oder der Gastrointestinaltrakt. Zu den typischen Symptomen zählen hohes Fieber, Diarrhö, Gewichtsverlust, abdominale Schmerzen, Schweißausbrüche, Anämie, Hepato- und/oder Splenomegalie.

 

Eine weitere Infektionsquelle besonders bei antineoplastischer Therapie kann ein infizierter Katheter oder eine Therapie mit monoklonalen Antikörpern gegen IFN-g sein.1 Durch M.immunogenum in Schmieröl kann eine Pneumonitis auf der Basis einer Hypersensitivität hervorgerufen werden. M.mucogenicum kann Ursache folgender Infektionen sein: Peritonitis bei Peritonealdialyse, Katheter-assoziierte Infektionen, sowie Infektionen des Respirationstraktes und der Haut und Weichgewebe.

 

 

Diagnostik

 

Eine gezielte Untersuchung auf Mykobakterien ist notwendig, wobei ein Hinweis auf die Differentialdiagnose „NTM“ für das Labor hilfreich sein kann (Temperaturoptimum beachten, z.B.M.marinum oder M.ulcerans 32°C; Wachstum vonM.haemophilum nur bei Zugabe von Blut in die Medien).

 

 

Prävention, Therapie, Meldepflicht

 

Eine gezielte Prävention ist durch das ubiquitäre Vorkommen von NTM nicht möglich. Die Therapie von manifesten Infektionen richtet sich nach der Spezies sowie dem Ausfall der Empfindlichkeitsprüfung des Isolats. Zum Einsatz kommen (meist in unterschiedlichen Kombinationen) u.a. Rifampicin (RMP; EREMFAT u.a.), Streptomycin (SM;STREPTO-FATOL u.a.), Clarithromycin (KLACID u.a.),2Moxifloxacin (AVALOX),3 Levofloxacin (TAVANIC),4 Linezolid (ZYVOXID),5 Amikacin (AMIKACIN FRESENIUS)6 oder Imipenem (ZIENAM).7 Die Therapie bei kindlicher zervikaler Mykobakteriose sowie beim Buruli-Ulkus besteht in der Exzision. Es besteht keine Meldepflicht.

 

 

1.     OKUBO, H. et al.

      Mod Rheumatol 2005; 15: 62 - 64

 

2.     NIENHUIS, W.A. et al.

      Lancet 2010; 375: 664 – 672

 

3.     DESHPANDE, D. et al.

      Antimicrob Agents Chemother 2010; 54: 2534 - 2539

 

4.     MARTIN-PENAGOS, L. et al.

      Transpl Infect Dis 2009; 11: 249 - 252

 

5.     FURUYA, E.Y. et al.

      Clin Infect Dis 2008; 46: 1181 - 1188

 

6.     VAN DUIN, D. et al.

      Diagn Microbiol Infect Dis 2010; 67: 286 - 290

 

7.     MIYASAKA, T. et al.

      Int J Antimicrob Agents 2007; 30: 255 - 258

 

8.     NORDKILD, P; CRONE, P.

      Ann Chir Gynaecol 1986; 75: 274 - 279

 

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Letzte Aktualisierung dieser Seiten:
23. Juni 2017

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