Otitis media

(Text aus  Heft 5, 1996, aktualisiert)

 

Kasuistik

 

Ein dreijähriges Mädchen wird von seinen Eltern in die Praxis gebracht mit heftigen linksseitigen Ohrschmerzen, einer eitrigen Sekretion aus dem Ohrkanal sowie Fieber über 39° C und erheblicher Hinfälligkeit. Die Symptome haben zwei Tage zuvor mit Ohrschmerzen und Fieber begonnen und haben sich allmählich verstärkt. Voraus ging ein banaler

Infekt der oberen Luftwege. Die Inspektion des Trommelfells zeigt eine deutliche Rötung mit Einschränkung der Trommelfellbeweglichkeit sowie einer erheblichen purulenten Sekretion. Ein Druckschmerz des Mastoids besteht nicht, ebenfalls sind keine meningitischen Zeichen nachweisbar.

 

Bemerkung

 

Die Otitis media ist eine der häufigsten Infektionserkrankungen im Kleinkindalter; bis zum dritten Lebensjahr haben 2/3 der Kinder eine oder mehr Episoden einer akuten Otitis media durchlaufen. Am häufigsten tritt die Otitis media zwischen dem 6. und 24. Lebensmonat auf. Die Ansammlung von entzündlichem Sekret im Mittelohr ist häufig mit einer Einschränkung der Hörfunktion verbunden. Diese Flüssigkeit kann bei 70% der Kinder noch über zwei Wochen nach Beginn der Erkrankung, bei 40% noch nach einem Monat und bei 10% über mehr als drei Monate bestehen. Kinder mit derartigen Mittelohrsekreten erleiden Höreinbußen mit Dezibelverlusten um 25. Neuere Studien zeigten überdies, dass Patienten mit rezidivierenden Otitis-Episoden eine verzögerte Entwicklung hinsichtlich ihrer Sprache und der kognitiven Funktionen erleiden können.

 

Epidemiologie

 

In zahlreichen Studien mit Punktionen des Mittelohres wurden relativ einheitliche mikrobiologische Ergebnisse berichtet. Führend sind Pneumokokken mit im Mittel 40%, gefolgt von Hämophilus influenzae in etwa 25-30% und Moraxella catarrhalis um 10%. Zu beachten ist, dass in etwa 30% keine Erreger nachgewiesen werden können, wobei neuere Studien in 25% der Erkrankung auf die ätiologische Beteiligung von Viren hinweisen. Die häufigsten Viren sind RS-Viren, Influenza-, Entero- und Rhinoviren. Nicht selten kommt es auch zu einer Mischinfektion aus viralen und bakteriellen Erregern. 

 

Therapie

 

Die Notwendigkeit einer antibakteriellen Therapie wird durchaus kontrovers diskutiert. Insbesondere in Holland sind die Ärzte auf der Basis einer großen multizentrischen Studie mit der antibiotischen Therapie sehr zurückhaltend. Die überwiegende Mehrzahl der internationalen Infektionsexperten raten allerdings zu einer antibakteriellen Therapie, die insbesondere auch zur Vermeidung der seltenen aber schwerwiegenden Komplikationen wie Meningitis, Mastoiditis und Hörverlust beitragen können. Das primär zur Therapie empfohlene Antibiotikum ist Amoxicillin (diverse Handelsnamen). Diese Therapie sollte in den Regionen mit höherer Ampicillin- bzw. Amoxicillinresistenz bei Hämophilus influenzae und Moraxella catarrhalis durch Betalaktamasebildung allerdings ersetzt werden durch Kombinationspräparate mit Betalaktamase-Inhibitoren, wie z.B. Amoxicillin-Clavulansäure (diverse Handels-namen), Ampicillin-Sulbactam (diverse Handelsnamen). Alternativ kommen ein Cephalosporin, wie Cefuroxim-Axetil (diverse Handelsnamen) oder Cefpodoxim-Proxetil (diverse Handelsnamen)  bzw. ein Makrolid-Antibiotikum [z. B. Azithromycin (diverse Handelsnamen)] in Frage.

 

Eine gleichzeitige Behandlung mit Mukosa-abschwellenden Substanzen zur Offenhaltung der Eustachischen Tube wird empfohlen. Ebenfalls sollte nach abgelaufener Otitis media eine Kontrolle des Mittelohres hinsichtlich persistierender Flüssigkeitsbildung nach einigen Wochen erfolgen.

 

Ergänzungen

 

Bitte beachten Sie auch den Beitrag 

Otitis media – Antibiotikatherapie oder beobachten?

in Heft 6, 2009 der Zeitschrift

 

aus Infektio Aktuell (29. Dezember 2016)

Neue Studie zur Dauer der Antibiotikatherapie

bei Otitis media

 

Die verkürzte Dauer einer Antibiotikatherapie kann dazu beitragen, das Risiko der Resistenzentwicklung zu reduzieren. Eine aktuelle Studie aus den USA zeigt jedoch, dass dies nicht generell sinnvoll ist und für jede spezielle Indikation überprüft werden muss. Im Rahmen einer randomisierten klinischen Studie wurden insgesamt 520 Kinder mit einer Otitis media antibiotisch behandelt. Die sechs bis 23 Monate alten Kinder erhielten Amoxicillin / Clavulansäure (diverse Handelsnamen) entweder für 10 Tage oder 5 Tage plus 5 Tage Placebo. Die kürzere Behandlungsdauer war mit einer deutlich höheren Quote von Therapieversagen verbunden (34% vs. 16%). Eine Diarrhö war die häufigste unerwünschte Wirkung, sie trat in beiden Gruppen gleich häufig auf. Die Standardempfehlung einer zehntägigen Antibiotikatherapie bei Kindern dieser Altersgruppe wird durch diese Untersuchung nicht in Frage gestellt.

 

Hoberman A et al. Shortened antimicrobial treatment for acute otitis media in young children. N Engl J Med. 2016 Dec 22;375:2446-2456 FREE FULL TEXT

 

 

Informationen für Ärzte und Apotheker zur rationalen Infektionstherapie

Die Zeitschrift für Infektionstherapie (bis 2015: "Zeitschrift für Chemo-therapie") erscheint im Jahr 2017 im 38. Jahrgang. Herausgeber und Redaktion sind bemüht, Sie kontinu-ierlich und aktuell über wichtige Entwicklungen im Bereich der Infektionstherapie zu informieren.

 

Die vollständigen, aktuellen Ausgaben der Zeitschrift sind nur im Abonnement erhältlich.

 

Nach 24 Monaten stehen die Hefte als PDF-Dateien  frei zur Verfügung (Frühere Ausgaben und Register).

 

Wir bieten Ihnen auf diesem Wege ebenfalls alle Artikel der Rubrik "Neueinführungen" und einige andere regelmäßige Beiträge aus der Zeitschrift an.

 

Letzte Aktualisierung dieser Seiten:
21. Oktober 2017

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Zeitschrift für Infektionstherapie