Roxithromycin (RULID)

ein neues Makrolid-Antibiotikum

Unveränderter Text aus ZCT Heft 1, 1991

Aktuelle Ergänzungen am Ende des Textes


Seit etwa 40 Jahren hat sich Erythromycin (ERYCINUM u.a.) als gut verträgliches Antibiotikum bewährt. Im letzten Jahrzehnt sind neue Indikationen für diese Substanz definiert worden, nachdem die gute Wirksamkeit gegen zunehmend wichtige Erreger wie Legionellen, Campylobacter und Chlamydien erkannt wurde. Im Unterschied zu anderen Gruppen von antibakteriellen Wirkstoffen sind bisher in der Gruppe der Makrolide keine bedeutenden halbsynthetischen Derivate entwickelt worden - bisher wurden lediglich neue Esterformen des Erythromycins vorgestellt, die insgesamt keinen wesentlichen Vorteil gegenüber der Ausgangssubstanz haben. Mit Roxithromycin (RULID) wird jetzt ein neues Präparat eingeführt, das als erstes aus einer Reihe neuentwickelter Makrolide zur Behandlung von Infektionskrankheiten zur Verfügung steht.


Antibakterielle Wirkung

Das antibakterielle Spektrum der neuen Substanz ist dem von Erythromycin sehr ähnlich; beide Substanzen hemmen die Proteinsynthese in der Bakterienzelle durch Bindung an die 50S-Untereinheit der Ribosomen. Wichtige Keime im grampositiven Bereich wie z.B. Streptokokken (Ausnahme: Enterokokken) werden bereits bei niedrigen Konzentrationen (<1 mg/l) erfaßt. Staphylokokken sind weniger empfindlich und teilweise resistent.

Unter den gramnegativen Erregern sind Branhamella catarrhalis und Gardnerella vaginalis besonders empfindlich; auch Legionellen und Neisserien werden bei therapeutisch erreichbaren Konzentrationen erfaßt. Ähnlich wie bei anderen Makroliden ist die in vitro-Empfindlichkeit von Hämophilus influenzae variabel: teilweise werden Konzentrationen zur Hemmung des Wachstums benötigt, die im Plasma nach üblicher Dosierung nur knapp erreicht werden. Roxithromycin ist gegen Chlamydia trachomatis, Mycoplasma pneumoniae und Ureaplasma urealyticum ähnlich gut wirksam wie Erythromycin.

Die Aktivität von Roxithromycin gegenüber Campylobacter-Arten ist im Vergleich zu Erythromycin deutlich geringer. Wie alle älteren Makrolide, so wirkt auch Roxithromycin nicht gegen Enterobakterien, wie z.B. E. coli, Klebsiellen oder Enterobacter; auch die meisten Anaerobier, wie Bacteroides und Clostridium-Arten, sind resistent.


Pharmakokinetische Eigenschaften

Roxithromycin ist im Gegensatz zu Erythromycin säurestabil. Etwa zwei Stunden nach oraler Gabe einer Einzeldosis von 150 mg Roxithromycin werden Plasmakonzentrationen zwischen 6,6 und 7,9 mg/l erreicht. Die vollständige Resorption der Substanz aus dem Gastrointestinaltrakt wird durch hohe AUC-Werte ("Fläche unter der Kurve") dokumentiert, die etwa 10 mal höher sind, als nach Einnahme von 500 mg Erythromycin. Die Bioverfügbarkeit wird durch eine Mahlzeit vor Einnahme der Substanz beeinflußt; das Präparat sollte deshalb nüchtern eingenommen werden.

Die Konzentrationen von Roxithromycin im Gewebe und in Körperflüssigkeiten sind im Vergleich zu anderen antibakteriell wirksamen Substanzen (z.B. Penicillin) hoch; das Antibiotikum erreicht auch intrazellulär hohe Konzentrationen - damit besteht ein wichtiger Unterschied etwa zu den ß-Laktam-Antibiotika.

Mit einer mittleren Halbwertzeit von 12 Stunden wird Roxithromycin aus dem Plasma eliminiert (Erythromycin: zwei bis drei Stunden). Etwa die Hälfte einer verabreichten Dosis läßt sich unverändert im Urin und im Stuhl wiederfinden, der Rest wird metabolisiert.

Die Kinetik der Substanz wird bei Niereninsuffizienz nicht verändert, so daß bei Patienten mit entsprechenden Erkrankungen keine Dosisanpassung erforderlich wird. Bei Patienten mit schwerer Leberzirrhose ist dagegen die Elimination verzögert, und die Dosis sollte in diesen Fällen reduziert werden.


Therapeutische Anwendung

Die Behandlung mit 2-mal täglich 150 mg Roxithromycin war bei den meisten Patienten mit akuten Exazerbationen einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung und bei Patienten mit typischer oder atypischer Pneumonie erfolgreich. Die Erfolgsquoten lagen im Bereich von 80 bis 90% und waren mit denen bekannter Antibiotika, wie z.B. Erythromycin, Doxycylin (VIBRAMYCIN u.a.) und Amoxicillin (CLAMOXYL u.a.) vergleichbar. Auch bei Infektionen des Ohres, der Nase und des Rachens wurden hohe klinische und bakteriologische Erfolgsquoten erzielt.

Ähnlich gute Resultate wurden auch bei der Behandlung der akuten oder chronischen nicht-gonorrhoischen Urethritis und der Zervikovaginitis mit Roxithromycin in einer Dosierung von 2-mal täglich 150 oder 1-mal täglich 300 mg erzielt.

Die Tagestherapiekosten (ca. 7,- DM) liegen unter dem Niveau einiger Erythromycin-Präparate und sind damit für ein neu eingeführtes Präparat erfreulich niedrig. Bei Verordnung von preisgünstigen Erythromycin-Generika, wie z.B. ERYHEXAL, liegen die Kosten allerdings um 25% niedriger.


Unerwünschte Wirkungen

Wie bei allen neu eingeführten Arzneimitteln läßt sich zur Zeit der Ausbietung auch dieser Substanz kein sicheres und abschließendes Urteil über die Verträglichkeit machen, doch ist die Verträglichkeit von Roxithromycin insgesamt offenbar gut. Während der klinischen Prüfung wurde die Behandlung bei weniger als 1% der Patienten abgebrochen. Etwa 4% der Patienten klagten über gastrointestinale Symptome (Übelkeit, Bauchschmerzen, Diarrhö). In einigen Fällen kam es zu Hauterscheinungen, Erbrechen, Obstipation oder Kopfschmerzen.


ZUSAMMENFASSUNG

Roxithromycin (RULID) ist ein neues Makrolid-Antibiotikum, das eine ähnliche antibakterielle Wirkung besitzt wie Erythromycin (ERYCINUM u.a.). Da es säurestabil ist, besitzt es jedoch günstigere pharmakokinetische Eigenschaften (gute Bioverfügbarkeit, hohe Serumkonzentrationen, lange Halbwertzeit). Es wird niedriger dosiert als das klassische Makrolid (150 vs. 500 mg) und braucht nur 2-mal täglich verabreicht zu werden (Tagesdosis 0,3 g versus 2,0 g). Ambulant erworbene bakterielle Infektionen der unteren und oberen Atemwege sowie Infektionen des Urogenitaltraktes durch Chlamydien und Mykoplasmen sind wichtige Indikationen für das neue Präparat. Die Verträglichkeit war während der klinischen Erprobung gut.

YOUNG, R.A. et al. Drugs 37: 8-43, 1989

 

Aktuelle Ergänzungen (September 2007)

 

Seit der Erstellung und Veröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift für Chemotherapie (Heft 1, 1991) sind zahlreiche weitere Arbeiten über Roxithromycin publiziert worden. Insbesondere soll an dieser Stelle auf die folgenden Arbeiten hingewiesen werden:

 

Hinweis: Hinweise und Empfehlungen zum rationalen Einsatz oraler Antibiotika bei Erwachsenen und Schulkindern (Lebensalter 6 Jahre) einer Expertenkommission der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie e.V. siehe http://www.wissenschaftliche-verlagsgesellschaft.de/CTJ/CTJEMPF.HTM


Bryskier, A. J. Antimicrob. Chemother. 1998; 41 Suppl. B:1-21
Markham, A., Faulds, D. Drugs 1994; 48: 297-326

 

 


 

 

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