Norfloxacin

ein neues Harnwegstherapeutikum

Unveränderter Text aus ZCT Heft 3, 1984

Aktuelle Ergänzungen am Ende des Textes

Norfloxacin (BARAZAN) ist ein neues Präparat zur Behandlung von Harnwegsinfektionen mit chemischer Verwandtschaft zur Nalidixinsäure (NOGRAM) und Pipemidsäure (DEBLASTON). Diese Substanzen werden nach ihrem Wirkungsmechanismus als "Gyrase-Hemmer" bezeichnet. Sie hemmen die bakterielle DNS-Synthese, genauer: sie verhindern die Ausbildung der erforderlichen DNS-Quartärstruktur - eine Reaktion, die durch das bakterielle Enzym "DNS-Gyrase" katalysiert wird. Es gibt einige weitere ähnliche Präparate mit analogem Wirkungsmechanismus, die bereits seit einiger Zeit erhältlich sind [Oxolinsäure (NIDANTIN), Piromidsäure (SEPTURAL)] oder die sich z.Zt. noch in der klinischen Prüfung befinden.

Strutkruformel Norfloxacin

Mikrobiologie/Pharmakokinetik


Norfloxacin wirkt gegen ein breites Spektrum grampositiver und gramnegativer Bakterien. Seine Aktivität gegenüber Pseudomonas aeruginosa übertrifft die der Pipemidsäure. Unwirksam ist die Verbindung gegenüber anaeroben Keimen wie z.B. Bacteroides spp. Es ist bemerkenswert, daß eine Resistenzentwicklung gegenüber Norfloxacin nicht so schnell erfolgt, wie es z.B. bei Nalidixinsäure der Fall ist.1,2
Gut ein Drittel einer oral verabreichten Norfloxacin-Dosis wird absorbiert. Bei so geringer Bioverfügbarkeit muß mit relativ großen interindividuellen Schwankungen der Absorptionsquoten gerechnet werden. Nach einer üblichen Einzeldosis (400 mg) werden im Serum Konzentrationen von etwa 1 mg/l erreicht. Diese Konzentrationen reichen nicht aus, um mit dem Chemotherapeutikum andere als Harnwegsinfektionen zu behandeln. Die Elimination erfolgt mit einer Halbwertzeit von ca. vier Stunden über die Niere und das Leber-Galle-System. Im Urin werden 25-30% einer Dosis unverändert ausgeschieden und bakterizide Wirkstoffspiegel zwölf Stunden lang aufrechterhalten (mittlere Werte von 350 mg/l). Ein geringer Teil der Substanz wird zu unterschiedlichen Metaboliten abgebaut.3


Klinik

Aufgrund seiner hohen antibakteriellen Aktivität gegen Enterobakterien und andere relevante Keime sowie der vorwiegend renalen Elimination kann Norfloxacin mit Erfolg bei Harnwegsinfektionen eingesetzt werden. Die Standarddosierung beträgt 2-mal 400 mg/die. Die Autoren von zwei Vergleichsuntersuchungen mit Co-trimoxazol (BACTRIM, COTRIM-TABLINEN u.a.) halten den Gyrase-Hemmer für gleich gut wirksam wie das Standardpräparat. Norfloxacin könnte von therapeutischer Bedeutung sein, wenn Erreger isoliert werden, die gegenüber der Sulfonamid-Trimethoprim-Kombination und/oder ß-Laktam-Antibiotika resistent sind.4,5

Nach Angaben des Herstellers wurden während der klinischen Prüfung nur selten Nebenwirkungen beobachtet (4,4%). Leichte gastro-intestinale Beschwerden waren am häufigsten. Wie auch von anderen Vertretern dieser Arzneigruppe bekannt, treten gelegentlich Symptome von seiten des ZNS wie Kopfschmerzen oder Schwindel auf. Insgesamt scheint Norfloxacin jedoch deutlich besser verträglich zu sein als z.B. Oxolinsäure. Letztendlich nicht geklärt ist eine Begleitwirkung aller Substanzen dieser Gruppe, die bei jugendlichen Tieren beobachtet wurde. Bei entsprechender Dosis - die bei einzelnen Tierspezies unterschiedlich ist, jedoch über der humantherapeutischen liegt - kommt es zu Erosionen und Ulzerationen im Gelenkknorpel. Als Voraussetzung scheint eine Belastung der jeweiligen Gelenke erforderlich zu sein. Nach Ansicht der Zulassungsbehörde kann nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, daß es "nicht auch bei einmaliger Gabe beim heranwachsenden Menschen zur Degeneration des Gelenkknorpels kommen kann". Kinder und Jugendliche bis zum Abschluß der Wachstumsphase sind deshalb von einer Behandlung mit Gyrase-Hemmern ausgeschlossen. Auch während der Schwangerschaft und Stillzeit sollen diese Chemotherapeutika nicht verordnet werden.3


ZUSAMMENFASSUNG

Norfloxacin (BARAZAN) ist eine antibakteriell sehr wirksame Substanz mit chemischer Verwandtschaft zur Nalidixinsäure (NOGRAM). Auch "Problemkeime " wie z.B. Pseudomonas aeruginosa werden durch die im Harn erreichbaren Konzentrationen erfaßt. Aufgrund der pharmakokinetischen Eigenschaften wird Norfloxacin nur zur Behandlung von Harnwegsinfektionen eingesetzt. Die Verträglichkeit scheint deutlich besser zu sein als bei einigen anderen ähnlichen Chemotherapeutika.

1. NEU, H.C. and LABTHAVIKUL, P.´Antimicrob. Agents Chemother. 22: 23-27, 1982
2. KHAN, M.Y. et al.  Antimicrob. Agents Chemother. 21: 848-851, 1982

3. BARAZAN - Einführungsbroschüre MSD-Pharma, 1984
4.
GUERRA, J. et al. Eur. J. Clin. Microbiol. 2: 260-265, 1983
5. GIAMARELLOU, H. et al. Eur. J. Clin. Microbiol. 2: 266-270, 1983
 
 

Aktuelle Ergänzungen (September 2007)

 

Norfloxacin zählt zu den Fluorchinolonen der "Gruppe I" nach einer Einteilung der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie (Naber et al., Classification of fluoroquinolones. Int. J. Antimicrob. Agents 1998; 10:255-257)

Seit der Erstellung und Veröffentlichung dieses Artikels in der Zeitschrift für Chemotherapie (Heft 3, 1984) sind zahlreiche weitere Arbeiten über Norfloxacin publiziert worden. Insbesondere soll an dieser Stelle auf die folgenden Publikationen hingewiesen werden:

Hinweis: Hinweise und Empfehlungen zum rationalen Einsatz oraler Antibiotika bei Erwachsenen und Schulkindern (Lebensalter 6 Jahre) einer Expertenkommission der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie e.V. siehe http://www.wissenschaftliche-verlagsgesellschaft.de/CTJ/CTJEMPF.HTM


Holmes B, Brogden RN, Richards DM.
Norfloxacin. A review of its antibacterial activity, pharmacokinetic properties
and therapeutic use.
Drugs. 1985; 30:482-513

Nord CE.
Effect of quinolones on the human intestinal microflora.
Drugs. 1995; 49 (Suppl 2):81-85

Piddock LJ.
Mechanisms of fluoroquinolone resistance: an update 1994-1998.
Drugs. 1999; 58 (Suppl 2):11-18

Stahlmann R, Lode H. Toxicity of quinolones.
Drugs. 1999; 58 (Suppl 2):37-42

 

 

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Letzte Aktualisierung dieser Seiten:
2. Oktober 2017

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