Mupirocin - ein neues Antibiotikum zur lokalen Behandlung bakterieller Hautinfektionen

Unveränderter Text aus ZCT Heft 5, 1988

Ergänzungen am Ende des Textes


1. Grundsätzliches zur Behandlung mit "Lokalantibiotika"

Jede systemische Gabe eines Antibiotikums ist mit einem mehr oder weniger großen Nebenwirkungsrisiko verbunden. Da manche Infektionen auf die Haut beschränkt sind, wird es immer eine attraktive Idee sein, derartige Erkrankungen "lokal" zu behandeln und den Organismus nicht weiter mit einem Fremdstoff zu "belasten". Das naheliegende Konzept erweist sich im medizinischen Alltag jedoch als problematisch: erste einschlägige Erfahrungen konnten Ärzte bereits vor Jahrzehnten bei der Anwendung von "Penicillinpuder" machen.

Vor mehr als sechs Jahren formulierten wir in der ZCT 2: 9-10, 1981 die Gefahren der lokalen Antibiotikatherapie in einigen Leitsätzen:

  1. Wirkungsspektrum begrenzt; Gefahr der Selektion und Superinfektion
  2. Resistenzentwicklung durch unkontrollierte Schwankungen der wirksamen Dosis
  3. Parallelresistenzen bzw. Parallelsensibilisierungen zu systemisch eingesetzten Präparaten.

Der letzte Einwand kann "entschärft" werden, wenn Substanzen zur lokalen Behandlung ausgewählt werden, die keine chemische Verwandschaft zu systemisch angewandten Antibiotika haben. Die übrigen Bedenken gelten jedoch prinzipiell.


2. Mupirocin - Spektrum und Resistenzlage

1971 wurden "Pseudomoninsäuren" als Stoffwechsel-produkt aus Pseudomonas fluorescens als eine neue Gruppe antibakteriell wirksamer Substanzen beschrieben. [1] Die wirksamste dieser Säuren erhielt den Namen Mupirocin und wird seit einigen Monaten in der Bundesrepublik als "EISMYCIN Salbe" zur lokalen Antibiotikatherapie angeboten. Nach der chemischen Struktur und dem Wirkungsmechanismus (Beeinflussung der Proteinbiosynthese durch Hemmung der Isoleucyl-t-RNA-Synthetase) besteht keine Verwandtschaft zu systemisch eingesetzten Antbiotika. [2]

Die antibakterielle Wirkung betrifft vorwiegend grampositive Keime wie Streptokokken und Staphylokokken - also typische Erreger bakterieller Hautinfektionen. Die Resistenzsituation ist - wie bei einer völlig neu angebotenen Substanz nicht anders zu erwarten - im Moment noch prinzipiell gut, doch mehren sich in den letzten Monaten die Anzeichen für eine Zunahme resistenter Stämme nach langfristiger Applikation. [3,4] Während Teststämme von S. aureus bereits durch so geringe Konzentrationen wie 0,015 mg/l gehemmt werden, lagen die zur Hemmung der resistenten Stämme erforderlichen Konzentrationen bei etwa 500 bis 1000 mg/l. Die Autoren der zitierten Arbeiten nennen die Entwicklung "entmutigend", weil sich die Resistenz 1. offenbar Plasmid-determiniert ausbreitet, 2. in verschiedenen Zentren auftrat und 3. sowohl bei ambulanter als auch stationärer Behandlung beobachtet wurde.


3. Klinische Studien mit Mupirocin

Als fragwürdig müssen die meisten der im Informationsprospekt des Herstellers zitierten "klinischen Studien" bezeichnet werden: frei von jeder wissenschaftlichen Grundlage dürfte eine "offene Studie an 25 (!) Patienten mit (diversen) primären Hautinfektionen wie Impetigo, Ekthyma, Furunkulose und Follikulitis" sein. Der klinische und mikrobiologische Therapieerfolg wird mit 96% (24 von 25) Patienten angegeben. Ebenso unverständlich sind Vergleichsstudien mit "Aminoglykosid- oder Tetracyclin-haltigen" lokalen Antibiotikazubereitungen - derartige Therapieformen können heute doch wohl nur noch als Kunstfehler angesehen werden. Die Verwunderung wird noch größer, wenn man darüber informiert wird, daß in einer Vergleichsstudie an insgesamt 149 Patienten mit primären oder sekundären Hautinfektionen 81% der lokal mit EISMYCIN behandelten Patienten "geheilt" werden konnten, aber nur 70% der systemisch mit einem Makrolid-Antibiotikum (!) behandelten bzw. nur 65% der Patienten, die ein Isoxazolylpenicillin erhielten. Wenn diese Ergebnisse die erforderliche Validität besäßen, müßten lang bewährte therapeutische Empfehlungen revidiert werden und ab sofort müßten die bisher als Mittel der Wahl angesehenen Penicillinase-festen Penicilline bei bakteriellen Hautinfektionen in der Schublade bleiben! Klinische Vergleichsuntersuchungen mit häufig angewandten Desinfizienzien liegen erstaunlicherweise nicht vor.


ZUSAMMENFASSUNG

Die lokale Antibiotikatherapie bakterieller Hautinfektionen ist seit Jahrzehnten als äußerst problematisch erkannt worden. Selbst wenn neuartige Substanzen eingesetzt werden, ergeben sich erstaunlich rasch Resistenzprobleme. Neben den selbstverständlich zunächst indizierten chirurgischen Maßnahmen, sollte primär an den Einsatz von desinfizierenden Substanzen gedacht werden. Bei kritischer Indikationsstellung bleibt für die lokale Behandlung mit Antibiotika kaum ein Anwendungsgebiet übrig. Diese allgemein gültigen Feststellungen gelten auch für das neu auf den Markt gekommene Präparat EISMYCIN mit dem Inhaltsstoff Mupirocin.


1. Fuller, A.T. et al.
Nature 1971; 234: 416-417


2. Ward, A. and Campoli-Richards, D.M. 
Drugs 1986; 32: 425-444

3. Smith, G.E. and Kennedy, C.T.C.
J. Antimicrob.
Chemother. 1988; 21: 141-142

4. Rahman, M. et al.
Lancet 1988; 330:387-388

 


Ergänzungen (2000)

Die Substanz ist heute in Deutschland nur unter dem Handelsnamen TURIXIN erhältlich; einzige Indikation: Elimination von Methicillin-resistenten Staphylo-kokken (MRSA) aus der Nasenschleimhaut.

Ergänzungen (2014)

Verschiedene Leitlinien empfehlen neben anderen Maßnahmen auch eine Untersuchung auf nasale Besiedlung mit Methicillin-resistenten Staphylokokken (MRSA) und gegebenenfalls eine Dekolonisation mit Mupirocin zur Prävention postoperativer Wundinfektionen.

AWMF Leitlinie: Strategien zur Prävention von postoperativen Wundinfektionen, letzte Überarbeitung: 1/2014 (www.awmf.org, Leitlinien)

 

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23. September 2017

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