Einteilung der Fluorchinolone

(aus ZCT 1998; 19:27-28,  überarbeitet 2004; siehe Ergänzung am Ende des Textes)

Die Gruppe der Chinolone hat sich mittlerweile zu einer großen Substanzklasse entwickelt. Die älteren nicht-fluorierten Chinolone sollten heute nicht mehr eingesetzt werden, da sie in ihrer antibakteriellen Aktivität gegenüber den fluorierten Chinolonen deutlich schwächer sind. Eine Expertengruppe der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie hat eine Einteilung der in Deutschland verfügbaren Fluorchinolone in vier Gruppen vorgeschlagen. Wichtigste Kriterien dieser Einteilung sind das antibakterielle Spektrum, die Pharmakokinetik und die Indikationen. Die verschiedenen Fluorchinolone sind in der Tabelle dargestellt.

Tabelle:

Einteilung der Fluorchinolone nach Gruppen (Listung innerhalb einer Gruppe nach aufsteigender in vitro [MHK] Aktivität).
 

Gruppe

Definition

Beispiele

I

Orale Fluorchinolone mit  eingeschränkter Indikation (vor allem Harnwegsinfektionen)

Norfloxacin
Pefloxacin#

II

Systemisch anwendbare Fluorchinolone mit breiter Indikation

Enoxacin
Fleroxacin#
Ofloxacin
Ciprofloxacin

III

Fluorchinolone mit verbesserter
Aktivität gegen grampositive und "atypische" Erreger

Levofloxacin
Sparfloxacin#
Grepafloxacin#

IV

Fluorchinolone mit verbesserter
Aktivität gegen grampositive und "atypische" Erreger sowie gegen Anaerobier

Trovafloxacin#
Gatifloxacin#
Moxifloxacin

# Nicht mehr im Handel
 

Eine Unterscheidung in die Gruppen I und II ist deshalb sinnvoll, weil die beiden Vertreter der Gruppe I in Deutschland lediglich in oraler Form und im wesentlichen für die Therapie von Harnwegsinfektionen zum Einsatz kommen. Darüber hinaus hat Norfloxacin auch die bakterielle Enteritis, Gonorrhö und Prostatitis als Indikation. Aufgrund seiner pharmakokinetischen Eigenschaften (Halbwertzeit zehn bis zwölf Stunden) ist Pefloxacin zur Einmaltherapie der unkomplizierten Zystitis zugelassen. (Anmerkung: Pefloxacin ist in Deutschland nicht mehr im Handel) 

Die in der Guppe II aufgeführten Substanzen haben im wesentlichen eine hohe bzw. sehr hohe In-vitro-Aktivität gegen Enterobakterien und Haemophilus influenzae. Sie besitzen jedoch nur mittlere bzw. schwächere antibakterielle Aktivität gegen Staphylokokken, Pneumokokken, Enterokokken und "atypische" Erreger (z. B. Chlamydien, Mykoplasmen). Die In-vitro-Aktivität gegenüber Pseudomonas aeruginosa ist unterschiedlich; Ciprofloxacin gehört zu den aktivsten Fluorchinolonen gegen diesen Erreger.

Die Vertreter der Gruppe II sind, abgesehen von Enoxacin, das in Deutschland nur in oraler Form verfügbar ist und im wesentlichen bei Harnwegsinfektionen eingesetzt wird, sowohl oral als auch parenteral einsetzbar. Dazu kommt im Gegensatz zur Gruppe I ein wesentlich breiteres Indikationsspektrum. Dies umfaßt als Hauptindikationen neben Harnwegsinfektionen auch Infektionen der Atemwege, insbesondere verursacht durch gramnegative Erreger, Haut-, Weichteil- sowie Knocheninfektionen und systemische Infektionen bis hin zur Sepsis. (Anmerkung: Fleroxacin ist in Deutschland nicht mehr im Handel)

Levofloxacin (TAVANIC), das als linksdrehendes Enantiomer des Razemates Ofloxacin die Hälfte von Ofloxacin ausmacht und der eigentliche Anteil der antibakteriell wirksamen Substanz von Ofloxacin ist und deshalb über das gleiche antibakterielle Spektrum wie Ofloxacin verfügt, besitzt auch die gleiche Pharmakokinetik wie Ofloxacin. Damit ist für Levofloxacin naturgemäß ein potentiell ähnliches Einsatzgebiet wie für Ofloxacin denkbar. Deshalb könnte es aus systematischen Gründen auch der Gruppe II zugerechnet werden. Da Levofloxacin gegenüber Ofloxacin aber über eine doppelt so hohe antibakterielle Aktivität in vitro verfügt und auch in höherer Dosierung zum klinischen Einsatz kommen kann, hat Levofloxacin auch die Pneumokokken-Pneumonie als Indikation. Aus diesem Grund wurde Levofloxacin der Gruppe III zugeordnet. Die definitive Gruppenzuordnung von Levofloxacin wurde von der Expertengruppe allerdings kontrovers diskutiert.

Die Gruppen III und IV unterscheiden sich von der Gruppe II im wesentlichen dadurch, daß im Gegensatz zur Gruppe II die intrinsische Aktivität gegen grampositive Erreger wie Staphylokokken, Streptokokken, Pneumokokken und Enterokokken höher ist - bei vergleichbarer Aktivität gegen gramnegative Erreger. Dazu kommt die verbesserte Aktivität gegen sog. atypische Erreger, z. B. Chlamydien, Mykoplasmen und in Gruppe IV auch eine verbesserte Aktivität gegen Anaerobier. Diese Substanzen haben im allgemeinen eine hohe Bioverfügbarkeit und längere Halbwertzeiten als die meisten Substanzen der Gruppen I und II, außer Pefloxacin (I) und Fleroxacin (II). Sie unterscheiden sich durch ihr renales Ausscheidungsverhalten. Eine relativ geringe Ausscheidung über die Nieren liegt bei Grepafloxacin, Moxifloxacin, Sparfloxacin und Trovafloxacin vor. Daraus ergeben sich für die Substanzen der Gruppen III und IV als Hauptindikation alle Formen von Atemwegsinfektionen und - je nach renalem Ausscheidungsverhalten - auch Harnwegsinfektionen.

(Anmerkung: Grepafloxacin und Sparfloxacin, (Guppe III) sind nicht mehr im Handel.)

Von den Substanzen der Gruppe IV ist nur Moxifloxacin im Handel verfügbar. Clinafloxacin und Gemifloxacin sind nicht im Handel. Es kann für die Substanzen dieser Gruppe noch nicht abschließend beruteilt werden, inwieweit Indikationen wie z. B. Haut-, Weichteil-, Knocheninfektionen, abdominale Infektionen oder systemische Infektionen bis hin zur Sepsis und zur Meningitis als Einsatzgebiete in Frage kommen werden. Die Zulassung von Trovafloxacin wurde von der europäischen Zulassungsbehörde EMEA im Sommer 1999 wegen hepatischer Unverträglichkeitsreaktionen suspendiert.

 

ZUSAMMENFASSUNG DER AUTOREN: Die Gruppe der Chinolone hat sich mittlerweile zu einer großen Substanzklasse entwickelt, deren Unterteilung sich an dem antibakteriellen Spektrum, der Pharmakokinetik und den klinischen Indikationen orientieren sollte. Da jedoch bei der Gruppeneinteilung nicht alle, sondern nur die Hauptindikationen berücksichtigt werden können und sich die Substanzen auch innerhalb einer Gruppe z. B. hinsichtlich Pharmakokinetik und Verträglichkeit unterscheiden, muß sich der Arzt im Einzelfall noch nach den substanzspezifischen Indikationen richten.

 

Literatur: 
Naber, K. et al. Münch. Med. Wschr. 1998; 140: 248-250 

 

Ergänzung (Februar 2015)

 

Nachdem mehrere Chinolone wegen unerwünschter Wirkungen und nicht akzeptabler toxikologischer Risiken vom Markt genommen wurden, sind heute nur noch die folgenden, häufig angewandten Chinolone relevant:

 

Ciprofloxacin (CIPROBAY u.a.)

Levofloxacin (TAVANIC u.a.)

Moxifloxacin (AVALOX u.a.)

 

Die Präparate sind zur oralen und parenteralen Gabe im Handel und alle als Generika verfügbar.

 

 

 

Informationen für Ärzte und Apotheker zur rationalen Infektionstherapie

Die Zeitschrift für Infektionstherapie (bis 2015: "Zeitschrift für Chemo-therapie") erscheint im Jahr 2017 im 38. Jahrgang. Herausgeber und Redaktion sind bemüht, Sie kontinu-ierlich und aktuell über wichtige Entwicklungen im Bereich der Infektionstherapie zu informieren.

 

Die vollständigen, aktuellen Ausgaben der Zeitschrift sind nur im Abonnement erhältlich.

 

Nach 24 Monaten stehen die Hefte als PDF-Dateien  frei zur Verfügung (Frühere Ausgaben und Register).

 

Wir bieten Ihnen auf diesem Wege ebenfalls alle Artikel der Rubrik "Neueinführungen" und einige andere regelmäßige Beiträge aus der ZCT an.

 

Letzte Aktualisierung dieser Seiten:
15. April 2017

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Zeitschrift für Infektionstherapie